Aufräumen im postpatriarchalen Durcheinander

Eine Einleitung

Wer aufmerksam durch die Welt geht, stellt zuweilen fest, dass die Wörter nicht auf die Wirklichkeiten passen: Erzieht zum Beispiel die Frau, die ich als “alleinerziehende Mutter” bezeichne, ihre Kinder tatsächlich allein? Ist die tansanische Kleinbäuerin, die der chinesische Agrarexperte “zurückgeblieben” nennt, womöglich klüger als er? Hat die “Arbeitslose”, die in ihrem Garten Gemüse anbaut, keine Arbeit? Ist das Geschlecht, das viele noch immer gewohnheitsmäßig  das “schwache” oder das “schöne” nennen, wirklich schwach und schön?

Im Prinzip besteht dieses Problem, dass Wörter die Wirklichkeit nicht abbilden, wie sie ist, sondern ein bestimmtes, manchmal fragwürdiges Bild von ihr vermitteln, immer. Denn die Wirklichkeit ist nie mit den Wörtern und Sätzen identisch, mit denen Menschen sie bezeichnen. Ich kann meine Nachbarin als Flüchtling, Muslimin, Steuerhinterzieherin, Freundin, Mutter, Afghanin oder Erwerbslose bezeichnen. Jeder Name bezieht sich auf einen bestimmten Aspekt dieser unverwechselbaren Person, aber keiner umfasst die ganze. Indem ich bestimmte Wörter gebrauche, kann ich Personen oder Situationen auf bestimmte Eigenschaften oder Funktionen festlegen, sie auf- oder abwerten, und damit Macht ausüben, fruchtbare Beziehungen ermöglichen oder sonstwie Welt verändern. Weil Sprache die Wirklichkeit niemals eins zu eins abbildet, kann sie zu unterschiedlichen Zwecken benutzt werden: Sie kann gutes Leben fördern oder hindern.

Das Problem wird noch brisanter, wenn ich mir klar mache, dass Wörter nicht isoliert voneinander existieren, sondern in ihren Verknüpfungen miteinander und mit den Dingen das bilden, was wir in diesem Buch “symbolische Ordnungen” nennen. Menschen brauchen solche Ordnungen, um sich in der Welt orientieren und sich miteinander verständigen zu können. Aber sie sind auch fähig, sie zu verändern, wenn sie sich als lebenshindernd oder gar zerstörerisch erweisen. Sprache wandelt sich ohnehin ständig, und sie kann auch bewusst gestaltet werden. Um die lebensförderliche Gestaltung von Sprache und damit die Gestaltung der Welt geht es in diesem Buch.

Die vergehende Ordnung Patriarchat

Im Jahr 1996 ist in Italien ein Buch mit dem Titel  “Es ist passiert – nicht aus Zufall” erschienen. Die Autorinnen stellen die Idee zur Diskussion, dass das Patriarchat zu Ende ist. Spätestens seither sind immer mehr Menschen, Frauen und Männer, davon überzeugt, dass wir in einer Übergangszeit leben: in der Zeit des ausgehenden Patriarchats. Eine bestimmte symbolische Ordnung, die viele Jahrhunderte lang die Weltwahrnehmung und die Lebenswirklichkeit großer Teile der Menschheit so stark bestimmt hat, dass man sie oft mit der Wirklichkeit selbst verwechselt hat, ist jetzt in Auflösung begriffen.

Diese heute vergehende Ordnung wurde, soweit wir wissen, zum ersten Mal in der klassischen griechischen Antike, also im Athen des vierten vorchristlichen Jahrhunderts, systematisch auf den Begriff gebracht. Sie lässt die Welt als statisch zweigeteilt in “höhere” und “niedere” Sphären erscheinen. Ein Zitat aus der „Politik“ des Aristoteles verdeutlicht, wie man die patriarchale Ordnung damals allmählich aus Begriffspaaren zusammengesetzt hat, die jeweils aus einer höheren, kontrollberechtigten, und einer niedrigen, beherrschten Position bestehen und sich gegenseitig definieren, bestätigen und stabilisieren:

Denn die Seele regiert über den Körper in der Weise eines Herrn und der Geist über das Streben in der Weise eines Staatsmannes oder Fürsten. Daraus wird klar, dass es für den Körper zuträglich ist, von der Seele beherrscht zu werden. … Desgleichen ist das Verhältnis des Männlichen zum Weiblichen von Natur so, dass das eine besser, das andere geringer ist, und das eine regiert und das andere regiert wird. … Die Wissenschaft des Herrn ist … diejenige, die die Sklaven zu verwenden weiss. Denn der Herr zeigt sich … im Verwenden von Sklaven …  und die Herren selbst treiben Politik oder Philosophie. (Aristoteles, Politik, übersetzt und herausgegeben von Olof Gigon, München 1973, 53, 56)

Der Körper verhält sich demnach zur Seele wie das Weibliche zum Männlichen, das Geringere zum Besseren, das Regiertwerden zum Regieren, der Sklave zum Herrn, und das “Verwendetwerden” zur Politik und zur Philosophie. Schon in der Weltkonstruktion des Aristoteles selbst und dann im Verlauf der folgenden Jahrhunderte schließen sich an diese hierarchische Grundstruktur weitere begriffliche Ehepaare an: Die menschliche Kultur gerät in eine Dominanzposition gegenüber der Natur, Praxis erscheint als gehorsame Ausführung von Theorie, der Okzident wird dem Orient übergeordnet, der Staat der Familie, der Markt dem Haushalt, die Freiheit der Bedürftigkeit. Gott schließlich wird im mittelalterlichen Christentum, das sich stark auf die aristotelische Weltkonstruktion stützte, als absolutes höheres ungebundenes Prinzip, gleichzeitig als “Herr Gott”, “Schöpfer” und “Vater”, also als Garant und Kontrolleur an die Spitze des Ganzen gesetzt.

Mit der europäischen Aufklärung wird zwar der Herrgott entthront und durch Begriffe wie “Vernunft”, “Wissenschaft”, “Objektivität”, neuerdings “Markt” und “Geld” ersetzt. Die statische Zweiteilung als solche und die Verknüpfung des “Höheren” mit Männlichkeit, Geist und Freiheit, des “Niedrigen” mit Weiblichkeit, Körperlichkeit und Abhängigkeit bleibt aber vorerst erhalten und wirkt sich bis heute vielfältig auf das menschliche Zusammenleben aus.

Postpatriarchales Denken

In der Zeit des ausgehenden Patriarchats erkennen nun immer mehr Menschen, dass die Welt nicht notwendigerweise so benannt werden muss, wie die statisch zweigeteilte Ordnung es vorschreibt. Gleichzeitig erkennen wir, dass eine bessere Ordnung nicht von selbst entsteht. Zunächst löst der Zusammenbruch alter Scheingewissheiten eine Art Schwindelgefühl aus, denn im postpatriarchalen Durcheinander wissen wir zunächst buchstäblich nicht mehr, was oben und was unten ist: Dominieren jetzt Gefühle die Vernunft? Bilden Geld und Profit endlich nicht mehr das Zentrum allen Wirtschaftens und das Ziel aller Wünsche? Worum konzentriert sich das Zusammenleben neu, wenn die Marktlogik nicht mehr alles bestimmt? Um den Haushalt oder den Staat oder eine Art Gemeinwesen, das noch keinen Namen hat? Was gilt noch als Arbeit, was als Freizeit, wer wird wie wofür bezahlt? Wie sollen wir inmitten des Trümmerfelds, das der Zusammenbruch der begrifflichen Ehepaarstruktur hinterlassen hat, sagen, was und wie etwas ist? Wie bringen wir neue Ordnung in die durcheinander wirbelnden Begriffe?

Auch die scheinbar vertrauten großen Wörter der widerständigen Traditionen, aus denen wir Autorinnen kommen – “Die Linke”, “Globalisierungskritik”, “Gleichberechtigung”, “Befreiung”, “Solidarität”, “Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung” und so weiter – geraten in Verdacht, von der zweigeteilten Ordnung infiziert und daher nicht für die Gestaltung der postpatriarchalen Welt geeignet zu sein. Dies ist ein wesentlicher Grund dafür, dass solche Wörter, die einige unserer Leserinnen und Leser hier vielleicht erwarten, in diesem Buch nur am Rande oder gar nicht vorkommen.

Für die politische oder kulturelle Arbeit, die jetzt zu tun ist, haben die Denkerinnen, die zuerst vom Ende des Patriarchats gesprochen haben, ein Wort erfunden: Sie nennen es die “Arbeit am Symbolischen”. Wir, die Autorinnen dieses Buches, sprechen auch von “postpatriarchalem Denken”. Gemeint ist mit beiden Begriffen, dass wir die feministische Kritik an der zweigeteilten symbolischen Ordnung aufnehmen, dass wir dann aber nicht bei ihr stehen bleiben, sondern sie konstruktiv und erfinderisch weiterführen, indem wir anfangen, die Welt neu zu ordnen. So rücken Wut und Klage über unseren Status als Opfer und Diskriminierte allmählich an den Rand. In die Mitte rückt die Verantwortung für ein neu gestaltetes gutes Leben für alle sieben Milliarden Würdeträgerinnen und Würdeträger auf dem verletzlichen Planeten Erde.

Ein Durcheinander aus Geschichten…

Die neun Frauen, die dieses Buch zusammen geschrieben haben, sind schon seit vielen Jahren mit der postpatriarchalen Arbeit am Symbolischen unterwegs, als einzelne und gemeinsam, in immer wieder neuen Projekten. Wir haben uns bis heute nicht als Verein organisiert, treffen uns aber immer wieder in wechselnden Zusammensetzungen zu gemeinsamen Wochenenden, Tagungen oder Aktionen.

Schon unter verschiedenen Namen waren und sind wir in der Öffentlichkeit präsent: zum Beispiel als “Ethik im Feminismus”, “Weiberwirtschaft” oder “beziehungsweise weiterdenken“. Viele Texte haben wir schon veröffentlicht. Seit unserem ersten postpatriarchalen Symposium, das im Sommer 2002 in Salzburg stattgefunden hat, sind wir als Mailingliste “Gutesleben” unterwegs, und seit einigen Jahren experimentieren wir mit den Möglichkeiten der sozialen Netzwerke im Internet. Auch dieses Buch werden wir zusätzlich zur Druckfassung im Internet veröffentlichen, um so ein ungehindertes gemeinsames Weiterschreiben mit all denen zu ermöglichen, die sich dem postpatriarchalen Denken anschließen und an ihm mitwirken wollen.

…und ein Zwischenergebnis

Auf unserem gemeinsamen Weg hat sich inzwischen eine Begrifflichkeit entwickelt, die der Anfang für eine neue Ordnung sein könnte. Dieses gemeinsame Vokabular wollen wir in diesem Buch zur Diskussion stellen. Je länger wir miteinander die Welt besprechen und gestalten, desto deutlicher zeigt sich nämlich, welche Wörter wir nicht mehr brauchen, welche an den Rand und welche ins Zentrum rücken. Es sind auch schon neue Wörter entstanden, zum Beispiel “Geburtlichkeit”, “Wirtinschaft”, “Scheißologie” oder “intervitales Gespräch”. Manchmal löst eine neue Kombination vertrauter Wörter ein Benennungsproblem, zum Beispiel wenn wir von “politischer Liebe” oder “Freiheit in Bezogenheit” sprechen. In immer neuen Anläufen haben wir also die symbolische Ordnung Schritt für Schritt schon so auf- und neu eingeräumt, dass sie auf die Wirklichkeiten, in denen wir uns vorfinden, besser passt.

Wir haben dieses Zwischenergebnis der postpatriarchalen Neubenennungsarbeit in die Form des Alphabets gefasst. Das hat den Vorteil, dass wir unsere Leserinnen und Leser nicht auf eine bestimmte Systematik festlegen, sondern es ihnen ermöglichen, irgendwo im Buch mit dem Lesen zu beginnen, sich von einzelnen Wörtern anziehen, andere zunächst liegen zu lassen. Es hat den Nachteil, dass sich Überschneidungen und Wiederholungen nicht ganz vermeiden ließen. Im Internet gibt es zu jedem Artikel ein eigenes Kommentarfeld, in dem die Arbeit am Begriff weitergeführt, Querverbindungen hergestellt und neue Wörter vorgeschlagen werden können.

Die grundlegende Tatsache, dass Wörter und Wirklichkeiten sich voneinander unterscheiden, werden auch wir nicht aus der Welt schaffen. Aber wir glauben, dass viel gutes Leben weltweit in Bewegung gesetzt werden kann, wenn wir die Beziehungen zwischen der Wirklichkeit und der symbolischen Ordnung schöpferisch neu gestalten.

Eine Station unseres Weges ist das zweite postpatriarchale Symposium vom 29. August bis zum 1. September 2013 im Bildungshaus St. Arbogast im österreichischen Vorarlberg. Und nach diesem Symposium wird die postpatriarchale Neubenennung und Weltgestaltung weiter gehen, in Richtung auf eine offene Zukunft und ein gutes Leben für alle.

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3 Kommentare

  1. emilypatrice

     /  18. November 2012

    ich muss gestehen ich schätze wiederholungen und überschneidungen so verankert sich das ganze besser.
    freue mich auf was noch alles kommt ob post- oder wieauchimmerpatriarchal
    ich wünsche, dass die ‘postpatriarchalen Neubenennungsarbeit’ – so einen begriff kann nur die deutsche sprache hervorbringen – gebadet in schweiss und ernsthaftigkeit mit viel freude und leichtigkeit unterfuttert wird. sprache ist auch ständiges werden und wirken. ist lust, klang und rhythmus. wohl denken wir worte, doch diese worte denken auch uns……..
    daher don’t squeeze them to much.
    auch worte, begriffe brauchen raum und zeit, gehör mit ganzem leib.

    herzlich grüsse aus zürich
    emily-patrice

    Antwort
  2. feigenbaum

     /  29. August 2013

    Gutes Gelingen !

    Antwort
  3. Ihr kritisiert zwar hierarchische Strukturen, aber es scheint doch durchzuklingen daß ihr eine patriarchalische Struktur für untergeordnet haltet. Also könnt ihr euch dem prinzipiellen Denkmuster wieder nicht entziehen.

    Antwort

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