Scheiße

Das Produzieren und Hinterlassen von Scheiße ist ein für Menschen und Tiere unvermeidbarer Lebensvollzug, der in Sprache und Öffentlichkeit weitgehend verdrängt und unsichtbar gemacht wird. Scheiße ist das, was (fast) immer weggemacht werden muss, und womit niemand zu tun haben möchte.

Das zeigt auch der Gebrauch des Wortes „Scheiße“, das – im Deutschen und in vielen anderen Sprachen – häufig als Schimpfwort oder als spontaner Ausruf bei Missgeschicken und Schwierigkeiten zum Einsatz kommt, oder als Ausdruck für Frustration, Ärger und alles, was schlecht ist. Während der metaphorische Gebrauch des Wortes „Scheiße“ in den letzten Jahren wahrnehmbar zunimmt, bleibt die als Verdauungsprodukt von Menschen und Tieren durch den Darm ausgeschiedene reale Scheiße tabuisiert.

Dabei ist unbestritten, dass alle Menschen nicht nur essen und trinken, sondern auch Blase und Darm entleeren, also pissen und eben scheißen müssen. Vieles was sich über den Einfluss des Essens auf unsere Lebensqualität sagen lässt, gilt folglich auch für den Umgang mit Scheiße. So ist neben dem Mangel an Nahrung und sauberem Wasser auch der Mangel an Toiletten ein globales Problem.

Obwohl auch aus Sicht sozialmedizinischer und historischer Forschung klar ist, dass die Einführung der Kanalisation beziehungsweise sanitärer Anlagen gemeinsam mit der Errichtung von Wasserleitungen – wie sie zu Ende des 18. Jahrhunderts in Europa umgesetzt wurde – einen maßgeblichen Beitrag zur Lebenserwartung und zur Lebensqualität von Menschen leistet, und dass deren Fehlen zu Epidemien mit schwerwiegenden gesundheitlichen und gesellschaftlichen Folgen führt, wird die Frage der Entsorgung von Scheiße in vielen Projekten der Entwicklungszusammenarbeit nach wie vor (scheinbar) vergessen. Erst seit wenigen Jahren machen Initativen wie die World Toilet Organisation auf diese Problematik aufmerksam. Noch immer leben vierzig Prozent der sieben Milliarden Würdeträgerinnen und Würdeträger dieser Welt ohne angemessene Toiletten.

Die Tabuisierung der Scheiße verhindert jedoch nicht nur den Ausbau von überlebensnotwendigen Sanitärsystemen, sie verstellt auch den Blick auf andere wichtige Lebensvollzüge und Tätigkeiten. Und sie verhindert, dass Scheiße als Grundlage des Lebens, das aus einem Kreislauf aus Essen, Verdauen, Scheißen, Bodenfruchtbarkeit verbessern, Pflanzen ernähren, Essen erzeugen besteht, anerkannt wird.

Die Tatsache, dass Scheiße als Dünger neue Nahrung entstehen lässt, ist ein weiterer Beleg dafür, dass wir mit allem Leben auf Kooperation angelegt sind. Dabei erkennen sich die Menschen selbst als in den Kreislauf des Lebens eingebundene bedürftige, von anderen abhängige, körperliche und vergängliche Wesen.

Der (gute) Umgang mit Scheiße ist also genauso notwendig wie deren Produktion. Scheiße und den Umgang damit explizit zu benennen und sichtbar zu machen, bedeutet, essentielle und in der herrschenden Ordnung wenig beachtete Lebensvollzüge und Sphären, wie Haushalt, Landwirtschaft, Pflege und Reinigung und die damit verbunden Tätigkeiten (siehe Care) ins Zentrum des Denkens und Handelns zu setzen. Es bedeutet, sich systematisch mit deren Bedeutung und der Bedeutung der damit verbundenen Tätigkeiten auseinanderzusetzen, ebenso wie mit der Bedeutung derjenigen Menschen, die diese Tätigkeiten ausführen.

Um eine solche Auseinandersetzung zu stärken, braucht es auch eine Theorie, eine Ökonomie und eine Ethik der Scheiße. Einige von uns Autorinnen haben damit unter dem Schlagwort „Scheißologie“ bereits angefangen.

Zum Weiterlesen:

Antje Schrupp, Ina Praetorius, Michaela Moser, Ursula Knecht: Reden wir mal über Scheiße – Videoreihe.

Ina Praetorius: First steps toward a theory of shit, 2010.

Florian Werner: Dunkle Materie. Die Geschichte der Scheiße, München 2011.

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2 Kommentare

  1. Kurzes Video von Ina Praetorius, wie der Begriff „Scheißethik“ entstanden ist:

    und Michaela Moser dazu:

    Ursula Knecht zu „Scheiße und Geld:

    Antworten
  2. Nun gibt es ja auch Männer, die sich um dieses Thema fundamental gekümmert haben, damit das „Kümmernis“ sich nicht so sehr ausdehnt oder angenommen wird.http://www.youtube.com/watch?v=q_kpkDE2zUs so interessiert mich die wirkung und die wirklichkeit und da bin ich doch sehr privilegiert, dass ich nicht in Flugzeugen herumjetten muss, in den ausgestorbenen Städten gibt es ja auch weniger Möglichkeiten sich zur „Erleuchtung“ von allem Ballast zu befreien. Doch die Überwachungskameras halten die Menschen in ihrer „Verkniffenheit“ fest, und ohne 50 Cent wird es immer schwieriger sich zu erleichtern.

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