Sowohl als auch

Wer sowohl für Mindestlöhne als auch für ein bedingungsloses Grundeinkommen ist, kann schnell Schwierigkeiten bekommen, das zu vermitteln. In der gängigen Logik der alten symbolischen Ordnung sind Mindestlöhne und Grundeinkommen nämlich Begriffe aus zwei verschiedenen Weltanschauungen; sie widersprechen einander und sind unvereinbar. Die Forderung nach Mindestlöhnen ist eine sehr wichtige Forderung innerhalb des bestehenden Systems. Der Wunsch, ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle einzuführen, ist Ausdruck des Bestrebens, ein anderes System zu schaffen. Wie kann jemand gleichzeitig für das eine und für das andere sein?

An Beispielen wie diesem zeigt sich, dass das Denken des „Sowohl als auch“ eine Möglichkeit ist, sich aus der alten symbolischen Ordnung zu lösen, also auch von einem Denken in Zweiteilungen, in Dichotomien. Wenn ständig Entscheidungen erzwungen werden zwischen gut oder schlecht, abhängig oder frei oder eben auch Mindestlohn oder Grundeinkommen, ist eine Denkstruktur vorgegeben, die einengt, und in der manche Gedanken keinen Raum finden oder wirr und ver-rückt erscheinen.

Durch die Erneuerung der symbolischen Ordnung entsteht eine Spannung, die zu vermeintlichen Widersprüchen führt, denen mithilfe des Denkens des „Sowohl-als auch“ begegnet werden kann. Es ist zurzeit üblich, die Welt als Markt anzusehen (und nicht als Haushalt) und daher marktwirtschaftliche Phänomene und Regeln als gegeben anzunehmen. Innerhalb dieses Systems kann, um eine möglichst gerechte Ressourcenverteilung im Sinne eines Genug für alle zu erreichen, für Mindestlöhne eingetreten werden. Sobald die Welt jedoch als Haushalt betrachtet und die grundsätzliche Abhängigkeit aller von allen als selbstverständlich angenommen wird, kann stattdessen die Idee eines Grundeinkommens für alle vertreten werden. Das Denken des „Sowohl-Als auch“ ermöglicht es, Mindestlöhne und Grundeinkommen positiv zu bewerten, auch wenn sie scheinbar entgegengesetzte Positionen abbilden.

Das Denken des „Sowohl-als auch“ ist gerade an den Rändern bestehender Diskurse sinnvoll. Im Allgemeinen gibt es einen bestimmten Diskurs, eine Denkweise, die das Denken einer bestimmten Zeit dominiert. Ein Beispiel hierfür wäre die Aufklärung, oder, zu unserer Zeit, das ökonomische Denken. Es gibt jedoch immer auch andere Möglichkeiten, etwas zu denken. Um diese wahrzunehmen, kann das „Sowohl-als auch“ hilfreich sein.

Ein weiteres Beispiel ist der Begriff der „Arbeit“. Arbeit muss im Denken des „Sowohl-als auch“ weder negativ als Last noch positiv als Erfüllung betrachtet werden. Vielmehr wird es möglich, zu schauen, was Arbeit alles bedeuten kann: Sie ist sowohl sinnvolle Tätigkeit als auch Mittel zum Lebensunterhalt (und vermutlich noch anderes mehr).

Es geht nicht darum, Widersprüche und Schwierigkeiten innerhalb einer bestimmten Denkweise zu leugnen und auf eine beliebige Weise „alles gut“ zu finden. Vielmehr kann das Denken des „Sowohl-als auch“ einen befreienden Einfluss haben, indem es neue Sichtweisen erst ermöglicht und festgesetzte Denkweisen auflockert.

 

Ein Kommentar zu „Sowohl als auch

  1. Das Denken „sowohl als auch“ wird mir immer mehr zum Schlüssel für das biblische Denken: Gott barmherzig oder gerecht? Ein auserwähltes Volk oder alle Völker? Reich Gottes schon da oder noch ausstehend… Bei Jürgen Ebach lese ich über die rabbinische Antwort bei Oder-Fragen: „Ja“. Danke für den Artikel.

Datenschutzhinweis: Die Kommentarangaben und die Mailadresse werden an Automattic, USA (die Wordpress-Entwickler) übermittelt. Details hierzu in der Datenschutzerklärung (Link links). Sie können gerne Pseudonyme und anonyme Angaben hinterlassen.