Abhängigkeit

Abhängigkeit ist eine Grundbedingung des Menschseins. Wir können sie ebenso wenig ablehnen, wie wir die Auswirkungen der Schwerkraft ablehnen können.

Menschen sind abhängig von Wasser, Luft, Nahrung und damit von der Erde, von anderen Menschen, die Dinge hergestellt haben, die sie brauchen, und von Menschen, auf deren Fürsorge sie angewiesen sind.

In der bestehenden symbolischen Ordnung gilt die Abhängigkeit als etwas, das überwunden werden kann und sollte. Da die Abhängigkeit negativ bewertet wird, gibt es eine Tendenz, sie an bestimmte Gruppen zu delegieren: an Arme, Kranke, Kinder oder ganz allgemein an „Fürsorge-Abhängige“. Durch diese Zuweisung entledigen sich die „normalen“ Menschen, die gesunden, kräftigen, jungen, zumindest zeitweise der Aufgabe, sich mit der eigenen Abhängigkeit auseinanderzusetzen. Da die Menschen aber alle aufgrund ihrer Gebürtigkeit von Anfang an abhängig sind und ohne die Fürsorge anderer niemals gesund und kräftig hätten werden können, kann diese Abgrenzung nur eine Verdrängung sein.

Das Verständnis von Abhängigkeit und Notwendigkeit als Gegensatz zu Freiheit findet sich schon in der Antike, zum Beispiel in der Metaphysik des Aristoteles. Abhängigkeit ist aber kein Gegensatz zu Freiheit; vielmehr gibt es beide nur in Beziehung zueinander.

Abhängigkeiten sind in ihren unterschiedlichen konkreten Erscheinungsformen gestaltbar und bewertbar. So ist es zum Beispiel möglich, die Abhängigkeit von einem versorgenden Ehepartner oder einer Ehepartnerin der Abhängigkeit von einer Arbeitsstelle, also der Lohnabhängigkeit, oder der vom Staat vorzuziehen – und umgekehrt. Der Notwendigkeit grundsätzlich zu entkommen und Freiheit im Sinne von Un-Abhängigkeit zu erreichen, ist aber nicht möglich.

Wenn statt zwischen Freiheit und Abhängigkeit verschiedene Formen von Abhängigkeit unterschieden werden, werden auch ihre positiven Aspekte sichtbar. So bieten zum Beispiel gelingende Beziehungen eine Fülle von Beispielen positiver Abhängigkeiten: Ohne die Fürsorge anderer Menschen wären wir heute gar nicht am Leben, wir wären verhungert, verdurstet, verkümmert.

Selbstverständlich gibt es auch Abhängigkeiten, die unerträglich erscheinen, die in Erniedrigung und Unterdrückung münden. Diese Abhängigkeiten zu überwinden und die als fruchtbar empfundenen Abhängigkeiten zu pflegen, ist eine wichtige Aufgabe, um gutes Leben zu gestalten.

Abhängigkeit als Grundbedingung des Menschseins und nicht als zu überwindende Schwäche zu denken, ermöglicht einen neuen Blick auf scheinbar bekannte Phänomene. Ein leistungsunabhängiges Grundeinkommen zum Beispiel könnte auf politischer Ebene ein Schritt sein, diese Abhängigkeit aller von allen nicht mehr zu verbergen, sondern vielmehr zu akzeptieren und sichtbar zu machen. Auch auf sprachlicher Ebene können Anregungen zum Umdenken gegeben werden: Was passiert, wenn wir „Sozialhilfenehmerinnen“ statt „Sozialhilfeempfänger“ sagen? Abhängigkeit kann in einer neuen symbolischen Ordnung vom Stigma zum Paradigma werden.

Zum Weiterlesen:

Caroline Krüger, Ursula Knecht: Wir sind alle Fürsorge-abhängig.

Zita Küng, Ursula Knecht: Neu-Gier auf Grundeinkommen (pdf).