Care

Unter dem Stichwort „Care” werden seit den 1970er Jahren von Feministinnen politische, philosophische und wirtschaftliche Alternativen entwickelt und diskutiert, die das Leben und seine Erhaltung in den Mittelpunkt stellen.

Das englische Wort „Care“, das ins Deutsche übersetzt Fürsorge, aber auch Achtsamkeit, Obhut, Pflege und Umsicht bedeutet, steht dabei zum einen für das Bewusstsein von Abhängigkeit, Bedürftigkeit und Bezogenheit als menschliche Grundkonstitution, und zum anderen für konkrete Aktivitäten von Fürsorge in einem weiten Sinne. Es geht um ein „Sorgen für die Welt“, und zwar nicht nur durch pflegerische und sozialarbeiterische Tätigkeiten oder Hausarbeit im engen Sinn, sondern auch durch den Einsatz für einen kulturellen Wandel.

„Care“ ist Handeln, das für das Bestehen, Bewahren und die Erneuerungen der Welt sorgt, und für das eigene In-der-Welt-Sein Verantwortung übernimmt. Zu Care-Aktivitäten zählen auch Tätigkeiten wie die Bestellung von Land, die Pflege von Hecken, das Versorgen von Tieren und Pflanzen, und ebenso politischer Aktivismus, Informations- , Forschungs- und Entwicklungsarbeit.

Ein Großteil der Care-Aktivitäten, wie etwa Tätigkeiten im Haushalt, in der Pflege oder in der Landwirtschaft, sind in der vergehenden Ordnung des Patriarchats „unten“ angesiedelt. Sie wurden ins Private verbannt, trivialisiert und unsichtbar gemacht, oder sie werden als schlecht bezahlte Jobs an vermeintlich „schwächere“ Menschen delegiert, denen ein niedriger sozialer Status zugewiesen wird.

Care-Aktivitäten ins Zentrum zu stellen und die Welt aus der Care-Perspektive zu gestalten, bringt eine maßgebliche Verschiebung an gewohnten Gewichtungen sowie die Aufgabe zahlreicher gängiger Annahmen und Konzepte mit sich. So wird unter anderem die Illusion einer unabhängigen menschlichen Existenz obsolet, und die Bedeutung traditioneller Institutionen wie Staat, Markt und Familie und deren Beziehung zueinander rücken genauso in ein anderes Licht, wie bislang wenig beachtete und schlecht entlohnte Tätigkeiten der Fürsorge (im engeren Sinn) neue Aufmerksamkeit verlangen (zum Beispiel das Wegputzen von Scheiße).

Für alle Lebensbereiche müssen also neue Regeln entwickelt werden. Achtsamkeit, Verantwortung, und Einfühlungsvermögen werden nicht länger auf den privaten Umgang beschränkt, sondern in ihrem politischen Gewicht erkannt. Und die Öffentlichkeit wird (wieder) zu einem Ort, an dem Menschen in „Netzwerken der wechselseitigen Abhängigkeit, Fürsorge und Verantwortung” leben (so eine Formulierung der niederländischen Politologin Selma Sevenhuijsen), wo sie Neues miteinander ausprobieren und gemeinsam für ein gutes Leben aller sorgen können.

„Caring Citizens“ nennt Sevenhuijsen diese auf einer Care-Perspektive aufbauende Vorstellung von Gesellschaft, in der auch ein neues Verständnis vom Staat entsteht. Staatliche Aufgaben wie etwa Kinderbetreuung, Altersfürsorge, Bildung, Gesundheitsversorgung und Pflege, und auch die Polizei nehmen in einer „Kultur des Sorgens“ neue Gestalt und neue Bedeutung an.

Vieles ist dabei noch zu bedenken, zum Beispiel die Frage, wie Care-Tätigkeiten angemessen entlohnt werden, bei gleichzeitiger Einsicht, dass sich nicht alles (angemessen) bezahlen lässt und auch nicht alles in bezahlte Arbeit umgewandelt werden sollte. In einer Vielzahl von Projekten, Initiativen und Lebensweisen, wie etwa in Kindergruppen, Alternativschulen, generationenübergreifende Wohprojekten, der russischen Datschakultur oder dem Urban Gardening und Volksküchen lässt sich heute schon erfahren, wie positiv das fürsorgende Miteinander auf das gute Leben aller wirken kann.

Zum Weiterlesen:

Ina Praetorius: Wirtschaft ist Care, 2015

Selma Sevenhujisen, Alenka Svab (Hg.): Labyrinths of Care. The Relevance of the Ethics of Care Perspective for Social Policy, Ljubljana 2003.

Gabriele Winker: Care Revolution, 2015

Elfriede Harth: Care Revolution

Seite des Netzwerk Care Revolution