Dankbarkeit

Dankbarkeit erscheint überflüssig, wo Gaben als selbstverständliche Leistungen betrachtet werden, oder wo davon ausgegangen wird, dass man ein Recht auf etwas hat. Wer in der Illusion lebt, autonom zu sein, und unabhängig von anderen Menschen und den Gaben der Erde überleben zu können, kommt nicht auf die Idee, Dankbarkeit zu äußern.

Weil Unabhängigkeit in der vergehenden symbolischen Ordnung so hoch bewertet und Abhängigkeit und Bedürftigkeit verdrängt wurden, ist Dankbarkeit zu einer moralisch eingeforderten, oft sinnentleerten Pflichtübung guten Benehmens geworden, die nur noch im privaten Bereich und in der Religionsausübung etwas zu suchen hat. Wir halten dagegen die Bereitschaft und das Bedürfnis, Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen, für eine Folge des Bewusstseins, dass Menschen ohne Bezogenheit nicht leben können.

Wenn Menschen nicht dankbar sein können für das, was sie schon bekommen haben, können sie kein gutes Leben haben. Sie können sich selbst nicht lieben, können nicht Ja sagen zu ihrem Dasein, wenn sie ihren Müttern, beziehungweise ihren Eltern nicht dankbar sein können für das Geschenk des Lebens, das Geschenk der Sprache und für die körperliche Fürsorge, ohne die sie ihre ersten Jahre nicht überlebt hätten.

Ohne Dankbarkeit für die Schönheit der Erde und ihre Fülle, und ohne Dankbarkeit für das, was andere in früheren Zeiten geschaffen haben, wissen Menschen nichts über ihren Reichtum und darüber, was sie anderen und der Welt geben könnten.

Da Dankbarkeit ein unverzichtbarer Teil des Gabe-Geschehens ist, kann sie nicht eingefordert werden. Doch wenn sie fehlt, belastet das Beziehungen, verunsichert die gebende Person und nimmt ihr die Freude am Schenken. Wenn in Gemeinschaften keine Haltung der Dankbarkeit eingeübt wird, wenn kein Bewusstsein dafür da ist, dass das ganze Leben und vieles, was wir bekommen, nicht selbstverständlich ist, nimmt daher auch die Gebefreudigkeit ab und damit auch das gute Leben aler.

Zum Weiterlesen:

Dorothee Markert: Dankbarkeit, in: Dies: Wachsen am Mehr anderer FrauenRüsselsheim 2009.

Luisa Muraro: Ein authentisches Selbstbewusstsein, das zu Lust, Freiheit und wirkungsvollem Handeln führt, ebenda.

Luisa Muraro: Orientierung an der Dankbarkeit, in: Diotima und andere: Die Welt zur Welt bringen, Königstein 1999.