Gabe

Nehmen und Geben gehören grundlegend zum Leben auf der Erde. Jeder Atemzug ebenso wie das Essen und Ausscheiden sowie die Tatsache, dass Menschen geboren werden und sterben, weisen darauf hin, dass sie Teil der Erde sind.

Es gibt zwei friedliche Möglichkeiten, das Nehmen und Geben zwischen Menschen zu gestalten, die Gabe und den Tausch. Im alltäglichen Leben geht beides oft nahtlos ineinander über. Im Gegensatz zu denen, die nur den Tausch gelten lassen, halten wir den Wunsch, von der empfangenen Fülle etwas weiterzugeben, zu schenken, etwas Sinnvolles zu tun, für ein menschliches Grundbedürfnis, das mindestens ebenso stark ist wie der Wunsch, etwas zu bekommen. Es ist die Antwort auf die Fülle an Geschenken, die jeder Mensch zu Beginn des Lebens bekommen hat: das Geschenk des Lebens durch die Mutter, ihre Fürsorge und Liebe und die anderer Menschen, die unerschöpflichen Möglichkeiten der Sprache, die Schönheit der Erde und der Dinge, die andere Menschen überliefert haben.

Jedes Geben ist in Wirklichkeit ein Weitergeben dessen, was man bekommen hat. Und trotzdem ist jeder einzelne Akt des Gebens auch eine freie Entscheidung, ob ich schenken will oder nicht. Ohne diese Freiheit gibt es kein gutes Leben. Die Wahl zu haben zwischen Schenken und Tauschen halten wir für eine wichtige Voraussetzung für die Freiheit des Gebens.

Mit dieser Aussage wenden wir uns gegen dichotome Darstellungen von Gabe und Tausch, in denen der Tausch negativ bewertet und zudem den Männern zugeordnet wird, während Frausein mit dem Guten und der Gabe verknüpft wird. Geschlechtsspezifische Zuordnungen von Gabe und Tausch gab es auch in der patriarchalen Ordnung. Hier waren die Frauen für das Private und die Gabe zuständig, während die Männer den als wichtiger erachteten öffentlichen Bereich gestalteten, der – zumindest offiziell – ausschließlich vom Tausch geprägt war.

Während die Gabe im gelebten Leben Priorität vor dem Tausch hat – Menschen müssen zuerst vieles bekommen, bevor sie tauschen können – vermittelt die alte symbolische Ordnung den Eindruck, der warenförmige, gewinnorientierte Tausch sei das Zentrum von Wirtschaft und Gesellschaft. In der kapitalistischen Wirtschaft wird dieser Tausch zum alles bestimmenden Prinzip, und es wird versucht, alle Lebensbereiche unter seinen Maßstab der Nutzenmaximierung zu zwingen.

Doch überall dort, wo es um ein gutes Zusammenleben von Menschen, also um gelingende Beziehungen geht, wo sie darauf angewiesen sind, einander zu vertrauen, ist das Schenken von größerer Bedeutung als das Tauschen. Es legt den Grund für alles andere und muss daher Vorrang haben. Das gilt vor allem für die Zeiten und Lebensbereiche, in denen Menschen besonders fürsorgeabhängig und bedürftig sind. Doch es gilt auch im politischen Leben und im Wirtschaftsleben, wo nichts geht, wenn man einander kein Vertrauen, keine Zeit, keine Anerkennung, keine Worte schenken kann.

Bei Bestechungsgeschenken, die besonders in der Politik und der Wirtschaft eingesetzt werden, handelt es sich hingegen nicht um wirkliche Gaben, sondern vielmehr um einen erwarteten Tausch, der nur als Geschenk getarnt wird. Sie schaden dem guten Leben.

Die Bereitschaft vieler Menschen, sich für etwas zu engagieren und dabei geschenkte Arbeit zur Verfügung zu stellen, lässt sich als Ausdruck der Dankbarkeit für das erklären, was ihnen geschenkt wurde. Diese für ein gutes Leben aller so wichtige Bereitschaft ist in einer Gesellschaft umso mehr vorhanden, je besser für das Lebensnotwendige gesorgt ist. Durch ein bedingungsloses Grundeinkommen könnten mehr Menschen auf diese Weise sinnvoll tätig sein.

Zum Weiterlesen:

Dorothee Markert: Die Freude am Schenken bewahren. Das Ehrenamt als bedrohte Kostbarkeit.

Dorothee Markert: Fülle und Freiheit in der ‘Welt der Gabe’, Rüsselsheim 2006.

Carolin Emke: Geben.