Tausch

Tauschen ermöglicht Freiheit, weil es mir erlaubt, mit Menschen zu verhandeln und von ihnen Dinge zu bekommen, ohne dass ich mit ihnen eine langfristige Beziehung eingehen muss. Ich muss mich nicht in Abhängigkeit von der Person begeben, die etwas hat, was ich möchte, sondern ich kann ihr einen Tausch anbieten. In einem Tauschverhältnis sind Anfang und Ende eindeutig festgelegt.

Die Freiheit, zu schenken, besteht nur in einer Gesellschaft, in der es eine Wahl zwischen Schenken und Tauschen gibt. In Berichten über „Gabegesellschaften“ ist meist viel von der (manchmal mit starkem moralischen Druck verbundenen) Verpflichtung zum Schenken die Rede, die jedoch wenig Raum für freie Entscheidungen lässt. Um die Freiheit zu erhalten, die Tausch und Gabe jeweils ermöglichen, ist es wichtig, Tauschen und Schenken und die „Regeln“, die dort jeweils gelten, gut zu unterscheiden.

Wenn ich den Tausch wähle, kann und sollte ich die für mich besten Bedingungen aushandeln. Ich kann fordern, dass sie erfüllt werden, notfalls sogar mit rechtlichen Mitteln, also mit staatlichem Zwang. Wenn mir die Ware oder Dienstleistung nicht gefällt oder wenn die vereinbarte Zeit nicht eingehalten wurde, kann ich Nachbesserung oder Schadenersatz verlangen. Um eine Gabe hingegen kann ich nur bitten, ich kann sie nicht einfordern, schon gar nicht für einen bestimmten Zeitpunkt und in einer bestimmten Qualität. Im Kontext des Schenkens, also auch bei ehrenamtlicher (geschenkter) Arbeit, muss deshalb mit Kritik äußerst vorsichtig umgegangen werden.

Beim Tausch muss ich meinen Teil der getroffenen Vereinbarung pünktlich erfüllen, sonst kann ich dazu gezwungen werden. Erst wenn der Vertrag erfüllt ist, bin ich wieder frei, habe keine Schulden mehr. Um einen Akt des Schenkens zu vervollständigen, reicht es hingegen, „danke“ zu sagen, womit signalisiert wird, dass das Geschenk (als Geschenk) angekommen ist. Versäume ich das oder nehme ich ein Geschenk nicht an, wirkt sich das zwar oft negativ auf die Beziehung aus, vielleicht erhalte ich auch keine weiteren Gaben mehr, aber sonst geschieht mir nichts.

Es gibt oft „Tauschgeschehen“ im Bereich von Freundschaften oder persönlichen Beziehungen, die in Wirklichkeit gegenseitiges Schenken sind, zum Beispiel die Hilfe beim Umzug im Austausch gegen eine Essenseinladung. Doch bei einem solchen „Tausch“ spielt Gleichwertigkeit kaum eine Rolle, auch kann nicht, wie beim richtigen Tausch, kritisiert und pünktliche Erfüllung eingefordert oder gar eingeklagt werden.

Ohne Gaben, zumindest „Wortgeschenke“ oder ein Lächeln, sind gute Beziehungen nicht möglich. Trotzdem habe ich beim Schenken die Freiheit, in jeder Situation neu zu entscheiden, ob ich etwas geben will oder nicht. Die Freiheit des Tauschs hingegen besteht darin, dass ich entscheiden kann, ob, mit wem, was und unter welchen Bedingungen ich tauschen will. Diese Freiheit haben jedoch die meisten Menschen noch nicht, da sie zum Tausch ihrer Arbeitskraft gegen Lebensmittel gezwungen sind. Erst durch ein garantiertes Grundeinkommen hätten alle Menschen die Möglichkeit, die Freiheit, die der Tausch bietet, voll zu nutzen.

Zum Weiterlesen:

Dorothee Markert: Fülle und Freiheit in der Welt der Gabe, Rüsselsheim 2006.